Der Moment
Am Vormittag des 8. September 2022 teilte der Buckingham-Palast mit, Ärzte seien "besorgt" um die Gesundheit der Queen. Kurz darauf machten sich mehrere ihrer Kinder und weitere Mitglieder der königlichen Familie auf den Weg nach Balmoral. Gegen 18:30 Uhr britischer Zeit erschien auf der Website der königlichen Familie eine schwarz gerahmte Mitteilung: Elizabeth II. war im Alter von 96 Jahren gestorben.
Vor dem Buckingham-Palast in London sammelten sich innerhalb kurzer Zeit Menschen. Manche legten Blumen nieder, andere standen einfach nur da. In Windsor erschien, während die Flagge auf Halbmast gesetzt wurde, ein Regenbogen am Himmel – ein Bild, das in den folgenden Tagen millionenfach geteilt wurde. Elizabeth II. saß 70 Jahre und 214 Tage auf dem Thron – länger als jeder britische Monarch vor ihr.
Ihr Leben in Kürze
Geboren wurde sie am 21. April 1926 in London. Erst als ihr Onkel Edward VIII. 1936 abdankte, wurde ihr Vater König und sie selbst Thronfolgerin. Mit 25 Jahren, während einer Reise durch Kenia, erreichte sie 1952 die Nachricht vom Tod ihres Vaters. Sie kehrte als Königin zurück und wurde 1953 gekrönt – bei der ersten britischen Krönung, die live im Fernsehen übertragen wurde.
Ihre Amtszeit umfasste den Kalten Krieg, das Ende des britischen Empires, 14 US-Präsidenten (Harry S. Truman – er war bei ihrer Thronbesteigung 1952 im Amt; sie hatte ihn bereits 1951 als Prinzessin getroffen –, Dwight D. Eisenhower, John F. Kennedy, Lyndon B. Johnson – der einzige US-Präsident, den sie nie persönlich traf –, Richard Nixon, Gerald Ford, Jimmy Carter, Ronald Reagan, George H. W. Bush, Bill Clinton, George W. Bush, Barack Obama, Donald Trump und Joe Biden) und 15 britische Premierminister – vom ersten, Winston Churchill, bis zur letzten, Liz Truss, die sie nur zwei Tage vor ihrem Tod noch persönlich ernannte. Sie erlebte den Tod von Prinzessin Diana 1997 und wurde wegen ihrer zunächst zurückhaltenden öffentlichen Reaktion kritisiert. Im Jahr 2021 starb ihr Ehemann Prinz Philip, mit dem sie 73 Jahre verheiratet war. Nur Monate vor ihrem eigenen Tod feierte sie im Juni 2022 noch ihr Platin-Jubiläum: 70 Jahre auf dem Thron.
Stimmung im Land
Im Vereinigten Königreich war die Reaktion vor allem von Trauer geprägt, die sich bis zur Beisetzung zu einem beispiellosen nationalen Ereignis steigerte. Zehntausende Menschen stellten sich in London teils über zehn Stunden an, um am aufgebahrten Sarg vorbeizuziehen. Kondolenzbücher füllten sich in Kirchen und Rathäusern im ganzen Land, zahlreiche Veranstaltungen wurden aus aktuellem Anlass verschoben, Am Vorabend der Beisetzung wurde mit einer landesweiten Schweigeminute, dem ‚National Moment of Reflection‘, der Queen gedacht, bevor am Tag der Beisetzung eine zweiminütige Stille folgte. Für viele Britinnen und Briten war die Queen über Jahrzehnte ein Fixpunkt – gerade in Zeiten von Brexit und politischer Unruhe wurde sie als stabilisierende, überparteiliche Konstante beschrieben.
Ganz einhellig war die Trauer aber nicht. In Nordirland und Schottland gab es vereinzelt kritische Stimmen aus republikanischen Kreisen.
Reaktionen in Deutschland
Auch in Deutschland löste der Tod der Queen große Anteilnahme aus. Am 9. September 2022 gedachte der Deutsche Bundestag der Queen mit einer Schweigeminute. Bundestagspräsidentin Bärbel Bas würdigte Elizabeth II. zuvor als „Monarchin des Jahrhunderts“.
In seinem offiziellen Kondolenzschreiben würdigte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier Elizabeth II. als eine Monarchin, die „ein Jahrhundert geprägt“ habe. Zugleich erinnerte er an ihren Beitrag zur deutsch-britischen Aussöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg und an ihren Staatsbesuch in Deutschland im Jahr 1965.
Bundeskanzler Olaf Scholz bezeichnete die Queen als "Vorbild und Inspiration für Millionen, auch hier in Deutschland" und hob ebenfalls ihren Einsatz für die Aussöhnung zwischen beiden Ländern hervor; er werde vor allem "ihr wundervoller Humor" fehlen, schrieb er. Außenministerin Annalena Baerbock erklärte, Deutschland bleibe der Queen dankbar dafür, "dass sie uns nach dem Terror des Zweiten Weltkriegs die Hand zur Versöhnung gereicht hat". Altkanzlerin Angela Merkel sprach von einer Epoche, die mit ihrem Tod zu Ende gehe, und blickte "mit größter Dankbarkeit" auf ihre eigenen Begegnungen mit der Königin zurück.
Reaktionen im Ausland
International reichten die Reaktionen von aufrichtiger Anteilnahme bis zu offener Kritik. US-Präsident Joe Biden würdigte die Queen als jemanden, der eine ganze Ära geprägt und sein Land mit unerschütterlicher Hingabe repräsentiert habe, und ordnete an, die US-Flagge bis zur Beisetzung auf Halbmast zu setzen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron beschrieb sie als Freundin Frankreichs, die die französische Sprache beherrschte und die Kultur des Landes schätzte.
In ehemaligen Kolonien und Teilen des Commonwealth fiel die Reaktion deutlich zwiespältiger aus. Zwar würdigten viele afrikanische und karibische Staats- und Regierungschefs die Königin in offiziellen Erklärungen. Zugleich erinnerten Kritiker an die Geschichte des britischen Empire und an die Folgen der Kolonialherrschaft. Besonders in Ländern wie Kenia und Jamaika wurden dabei historische Gewalt, die koloniale Vergangenheit und die Rolle der Monarchie diskutiert. Auch Forderungen nach Reparationen, einer stärkeren Aufarbeitung der Kolonialgeschichte und einer Ablösung des britischen Monarchen als Staatsoberhaupt erhielten neue Aufmerksamkeit.
Fazit
Der Tod der Queen war mehr als der Abschied von einer einzelnen Person. Er wurde zu einem Moment, in dem sich unterschiedliche Sichtweisen auf das 20. Jahrhundert und das britische Empire überlagerten: für die einen ein Symbol für Pflichtbewusstsein und Kontinuität, für andere Anlass, ungeklärte historische Fragen neu zu stellen.